Nach vier Jahren im Early-Access-Programm von Steam geben die Entwickler*innen von Eleventh Hour Games ihr Action-Rollenspiel Last Epoch zum finalen Release frei. Es hat sich einiges getan von der frühen Alphaversion von 2018 bis hin zum heutigen Veröffentlichungszeitpunkt.
In unserem ausführlichen Testbericht schauen wir uns die Release-Version 1.0 von Last Epoch nochmals genauer an, testen Charakter-Builds und stellen das Endgame des Spiels auf die Probe.
Treffen der Klassenkamerad*innen

Das Studio Eleventh Hour Games gibt es seit 2017 und ist ein Zusammenschluss aus vielen individuellen Entwickler*innen, die verstreut auf dem ganzen Erdball anzutreffen sind. So entsteht zum Beispiel der Sound, das Charakterdesign oder das Coding für das Spiel jeweils an einem anderen Standort. Last Epoch wurde 2018 erfolgreich auf der Plattform Kickstarter unterstützt und startete sein Debüt auf Steam am 30. April 2019, wo es in das Early-Access-Programm aufgenommen wurde.
Die Zeitreise beginnt

Das Abenteuer von Last Epoch spielt in der Welt Eterra, die nach und nach von der dunklen Leere verschlungen wird. Wir spielen den oder die Auserwählte, dessen Aufgabe es ist, die verloren gegangenen Splitter eines Zeitreisegeräts namens Epoch wiederzubeschaffen, um der Ursache dieser dunklen Bedrohung auf den Grund zu gehen.
Dabei bereisen wir nicht nur eine Welt, sondern halten uns parallel in fünf verschiedenen auf – würde man Last Epoch mithilfe von anderen Spielen beschreiben, könnte man es so formulieren: Chrono Trigger trifft auf Diablo II. Dieses spannende Konzept öffnet sicherlich auch Tür und Tor für spätere Erweiterungen, da die Entwickler*innen nicht nur an ein sehr begrenztes Fantasy-Szenario gebunden sind, denn wie wir das ja schon aus den vielen Folgen von Doctor Who kennen, ist in der Raum- und Zeitreise bekanntlich alles möglich.
Wie in fast jedem Action-Rollenspiel steht auch in Last Epoch das stetige Verbessern und Ausbauen unseres Charakters im Vordergrund. Fast jeder Gegner, den wir in gewohnter Drive-by-Manier überwältigen, trägt einen Teil dazu bei. Dabei hinterlassen unsere Feinde freundlicherweise jede Menge Items wie Waffen, Rüstungen, Gold und Materialien zum Herstellen oder Umschmieden unserer Ausrüstung. Ziel ist es, mit den immer schwereren Herausforderungen des Spiels seinen Charakter so auszubauen, das dieser allen Gefahren trotzen kann.
So viele Möglichkeiten

Jede Klasse der fünf Hauptklassen: Wächter, Schurkin, Magier, Primalist und Akolythin besitzen einen eigenen Skilltree, der von links nach rechts immer weiter ausgebaut wird. Je nach Stufe und verteilten Punkten gelangen die Klassen so an passive Fertigkeiten wie eine höhere kritische Trefferchance oder klassenspezifische Attribute wie Stärke oder Intelligenz. In Last Epoch erhalten wir zusätzlich zu diesen Boni weitere aktive Fertigkeiten, von denen sich bis zu fünf in der Fertigkeitenleiste am unteren Bildschirmrand platzieren lassen.
Das ist aber noch nicht alles, denn jede dieser einzelnen aktiven Fertigkeiten besitzt nochmals einen eigenen Skilltree, wodurch zum Beispiel ein zerstörerischer Angriffszauber zu einem stärkenden Buff wird, den wir auf unsere Verbündeten wirken können. Die Kombination aus zwei unterschiedlichen Skilltrees (passive und aktive Fertigkeiten), die im Idealfall perfekt aufeinander abgestimmt sind, bieten sehr viel Potenzial für kreative Skillungen.

Diese Kreativität in der Charakterentwicklung lädt natürlich auch zum Fehler machen ein, was uns auch tatsächlich in unserer Testphase passiert ist. Da verwechselt man schon mal ein Icon oder verließt sich in den vielen Beschreibungen – alles kein Problem, denn bis auf die Auswahl der Klasse und deren Spezialisierung ist in Last Epoch nichts in Stein gemeißelt und alle Ausbaustufen in den Skilltrees können für einen kleinen Obolus wieder rückgängig gemacht werden.
Alleiniger Schatzsucher oder fairer Händler

Auch in Last Epoch stellt sich die typische Action-Rollenspiel-Frage: Wie gelange ich an einen ganz bestimmten Gegenstand, wenn es doch hunderte davon in den unterschiedlichsten Ausführungen gibt? Die Entwickler*innen von Eleventh Hour Games haben sich diese Frage sicherlich sehr oft gestellt, während sich das Spiel auf die finale Fassung zubewegte – ihre Lösung: ein im Spiel begehbarer Basar, der als Handelsplattform für die Spieler*innen dient – dazu gleich noch etwas mehr. Doch warum ist gerade der Handel oftmals das Problem in Action-Rollenspielen?
Die Handelsschnittstelle in diesem Genre ist oftmals mehr schlecht als recht gelöst, denn im schlimmsten Fall müssen die Spieler*innen sogar das Spiel verlassen, um sich durch Foren oder Suchmasken auf fremden Webseiten auf die Suche nach ihren Best-in-Slot-Gegenständen zu machen. In anderen Spielen wird sogar mit Echtgeld gehandelt, woran Drittanbieter verdienen oder sogar die Hersteller selbst noch mal zur Kasse bitten.
Anders in Last Epoch, denn hier haben wir die Wahl einer Handelsgilde beizutreten. Diese im Spiel als Basar dargestellte Handelsplattform ermöglicht es, eigene Fundstücke zum Verkauf anzubieten, vorausgesetzt wir erfüllen die von der Handelsgilde festgelegten Voraussetzungen. So müssen wir uns zum Beispiel, um besonders seltene Eigenschaften auf Gegenständen zu handeln, erst einen Ruf erarbeiten. Dies geschieht ganz nebenbei beim Spielen und Erfüllen von Aufgaben, solange wir Teil der Handelsgilde sind. Je höher der Rang, desto wertvollere Gegenstände dürfen den Besitzer wechseln und das ganz ohne Abzocke oder fragwürdigen Tauschgeschäften.
»Die im Spiel als Basar dargestellte Handelsplattform ermöglicht es, eigene Fundstücke zum Verkauf anzubieten.«
Das Handeln mit anderen Spieler*innen ist allerdings kein Muss. Last Epoch bietet auch einen Offline-Modus an, bei dem diese Funktion nicht funktionieren würde. Es ist auch möglich, online zu spielen und sich dem Handel zu verweigern. In diesem Fall unterstützt uns das Spiel mit deutlich stärkeren Beutechancen als im Gegensatz zum Händler.
Finden Spieler*innen in diesem sogenannten Spielmodus »Kreis des Glücks« einen wertvollen Gegenstand, ist dieser dauerhaft an den Spielenden gebunden und kann nicht weitergegeben werden. Allerdings steht es den Spieler*innen frei, jederzeit zwischen den beiden Modi zu wechseln, um mit neu gefundenen Gegenständen schnell das Goldkonto wieder aufzubessern.
Die Schmiede anheizen

In der Kampagne von Last Epoch gibt es einen Punkt, an dem wie üblich für das Genre die elementaren Widerstände unseres Charakters an die Anforderungen des Spiels angepasst werden sollten. Ab diesem Zeitpunkt müssen wir uns mit dem Handwerk des Spiels auseinandersetzen, was uns überraschenderweise sehr viel Spaß bereitet hat, denn das Craftig-System ist nahezu intuitiv.
Eine große Hilfestellung sind die Symbole am Rahmen der Beschreibungsfelder der Gegenstände, die in Form von kleinen goldenen und silbernen Pfeilen zeigen, was ein Präfix und was ein Suffix ist. So erkennen wir sofort, ob der Gegenstand noch Platz für ein weiteres Wunschattribut hat oder was an der Schmiede gezielt verändert werden kann. Wichtig ist dabei aber das Schmiedepotenzial eines Items im Auge zu behalten, denn sinkt dieser Wert auf Null, kann der Gegenstand nicht mehr verändert werden.
Nicht jeder Wert kann im normalen Rüstungsset untergebracht werden und so kommen die zusätzlichen Götzen ins Spiel. Diese Figuren befinden sich rechts neben der eigentlichen Ausrüstung. Die kostbaren Plätze dafür werden mit den vielen Nebenquests im Spiel freigeschaltet und sind nicht zu unterschätzen.
Was uns besonders gut gefällt, dass Crafting-Materialien immer in größerer Menge auftauchen und mit nur einem Klick in unser Inventar wandern. Auch wunderbar: Jeder Wert auf den Gegenständen ist sofort sichtbar und muss nicht zusätzlich mit einer Identifizierungsrolle aufgedeckt werden. Das erspart uns nervige Makros und schont den klickfreudigen Mausarm.
Farbenfroh und trotzdem düster

Überraschend ist die Vielfalt der Gebiete und ihre unterschiedlichen Gegnertypen. Allerdings haben wir keine Einhörner oder Level voller Kühe vorfinden können. Dafür gibt es allerhand Neues in Last Epoch. Allein in der Kampage, die ca. 10 Stunden Spielzeit mit sich bringt, hatten wir kaum den Eindruck, einen bestimmten Gegnertyp immer wieder aufs Neue anzutreffen. Diese Vielfalt spielt im Endgame, in dem wir hunderte Gebiete nach den besten Gegenständen abgrasen, eine große Rolle. Je monotoner die Umgebungen und Gegnertypen, desto schneller entsteht Langeweile.
Apropos Langeweile: Diese kommt in Last Epoch sicherlich nicht so schnell auf, denn nach der ca. 10-stündigen Kampagne erwartet die Spieler*innen ein sehr umfangreiches Endgame. Hier werden die zuvor erwähnten Gebiete und Gegnertypen in immer wieder neuen Konstellationen und stetig schwereren Anforderungen auf uns losgelassen, bis wir vielleicht das Charakterlevel 100 erreicht haben oder mit unserer Ausrüstung am Limit angekommen sind.
Durch besondere Dungeons mit temporären Fertigkeiten, wie dem Wechseln zwischen zwei verschiedenen Schildtypen, um dem jeweiligen Schadenstyp entgegenzuwirken (vergleichbar mit dem Shmup Ikaruga) oder dem Arenamodus, bei dem Wellen von Gegner besiegt werden müssen, punktet das Endgame von Last Epoch ebenfalls. Es gibt also immer etwas in der Spielwelt von Eterra zu tun.
FAKTEN
| Release Termin: | 21. Februar 2024 |
| USK: | Ab 18 Jahren |
| Genre: | Action-Rollenspiel |
| Spieltyp: | Einzelspieler 4 Spieler-Koop |
| Entwickler: | Eleventh Hour Games |
| Publisher: | Eleventh Hour Games |
| Erhältlich für: | PC |

Fazit
Last Epoch
Wie es scheint, haben die Entwickler*innen von Eleventh Hour Games die Genrekonkurrenten sehr gut angeschaut, um nicht dieselben Fehler zu machen. Ein besonderes Lob gebührt der Vielfalt der Gebiete und den vielen unterschiedlichen Gegnertypen in »Last Epoch«, die besonders im langen Endgame das abwechslungsreiche Spielerlebnis aufrecht halten. Ein weiterer großer Pluspunkt sind die Quality-of-Life Features, wie das Einsammeln von mehreren Crafting-Materialien, die mit nur einem Klick im Inventar landen oder das Bereitstellen von ausreichend Truhenplätzen samt Sortierfunktion. Das intuitive Crafting-System von »Last Epoch« hat sogar uns an der Schmiede halten können und kleine Erfolge feiern lassen, obwohl die nächsten Herausforderungen schon vor der Tür standen. Mit den fünf Starterklassen und den vielen Unterklassen ist für die nächsten Monate genügend Action-Rollenspielfutter geschaffen, so das sich die Entwickler*innen gut auf die nächsten Inhalte für »Last Epoch« konzentrieren können. Wir freuen uns auf die kommenden saisonalen Inhalte und sind gespannt, mit welchen kreativen Ideen Eleventh Hour Games noch überraschen wird.
Pro
- Umfangreiche Kampagne (8-10 Stunden)
- 5 Hauptklassen: Wächter, Schurkin, Magier, Primalist und Akolythin
- 15 mögliche Spezialisierungen der Klassen
- Sehr abwechslungsreiche Areale
- Offline spielbar
- Hunderte von einzigartigen Ausrüstungsgegenständen
- Jede Fertigkeit besitzt einen eigenen Skilltree
- Heiltränke werden automatisch eingesammelt und/oder direkt verbraucht
- Mehrere Crafting-Ressourcen mit nur einem Klick einsammeln
- Abwechslungsreiches Endgame durch ständig wechselnde Echos (Karten)
- Genügend editierbare Truhenreiter verfügbar
- Mit bis zu 4 Spieler*innen im Koop-Modus spielbar
- Sehr zugängliches und intuitives Crafting-System
- Gut durchdachtes Handelssystem
- Arenen und besondere Dungeons als zusätzliche Herausforderungen
- Aussehen des Charakters ändert sich mit angelegten Gegenständen
- Lootfilter (einfach editierbar) bereits Teil des Spiels
- Guter Soundrack
Contra
- Einige Gebiete haben etwas längere Ladezeiten
Letzte Worte
- Eines der besten Action-Rollenspiele der letzten Jahre. Wow!













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